Vorbilder: Die Schwäbische-Alb-Bahn

Vom Bayerischen Wald zur Schwäbischen Alb sind es nur etwas mehr als 300 km Luftlinie.  Das reicht offenbar, um verkehrspolitisch – bei vergleichbaren strukturellen Vorraussetzungen – in komplett entgegengesetzte Richtungen zu arbeiten.

Die Schwäbische Alb-Bahn betreibt die Bahnstrecke Schelklingen – Münsingen – Kleinengstingen im Freizeit- Güter- und Schülerverkehr. Eine idyllische Nebenbahn in einer dünn besiedelten Gegend, in vielen Aspekten vergleichbar mit der Ilztalbahn.

An einem teils sonnigen, teils regnerischen Montagvormittag haben wir uns auf die Reise gemacht. Am Ulmer Hauptbahnhof wartet umd 9:21 Uhr der Zug zur Fahrt nach Münsingen. Nur wenige Fahrgäste sind dabei, nach Auskunft des Zugpersonals ist der Zug zuvor aber mit fast 200 Schülern in Ulm angekommen. Am Wochenende nutzen zudem mehr Ausflügler die Strecke, die Fahrradmitnahme ist kostenlos.

Die ersten Kilometer bis Schelklingen fahren wir auf der Hauptstrecke, dann wechseln wir auf die Infrastruktur der Erms-Neckar-Bahn. Ab jetzt geht es entlang der Schmiech hinauf auf die Alb. Wir passieren den wunderschönen Haltepunkt Sondernach (mit einer ganz besonderen Geschichte) und durchfahren eine wunderschöne, fast menschenleere Landschaft.Nach einer Stunde erreicht der Zug den Bahnhof Münsingen, den Betriebsmittelpunkt der Alb-Bahn. Dort werden die Züge der Schwäbischen-Alb-Bahn abgestellt und gewartet, dort muss zur Weiterfahrt auch umgestiegen werden. Münsingen, ein hübsches Städtchen, lässt sich gut mit Waldkirchen an der Ilztalbahn vergleichen und lädt zur Mittagseinkehr ein. Besonders sehenswert ist der Bahnhof mit einem kleinen Eisenbahnmuseum, einem Fahrkartenschalter (dort gibt es auch DB-Fahrkarten), einem Bahnhofscafe und einem Mobiltätszentrum (u.a. mit Fahrradverleih).

Weiter geht es mit dem MAN-Schienenbus nach Kleinengstingen. Die historischen Triebwagen sind noch im Planeinsatz und befördern zahlreiche Schüler zu den Dörfern entlang der Strecke. So auch in Marbach, wo ein Großteil der Schüler auf einen Anschlussbus umsteigt.

Die letzten Schüler steigen am Endbahnhof Kleinengstingen aus. Nach kurzer Wartezeit geht es zurück nach Münsingen. Auf der Rückfahrt passieren wir kurz hinter Marbach das schön gelegene Schloss Grafeneck.

Auf der Rückfahrt von Münsingen nach Schelklingen gibt es noch eine betriebliche Besonderheit, die es unseres Wissens in Deuschland so kein zweites mal mehr gibt: Personenzüge mit Güterbeförderung. Der Triebwagen vom Typ NE81 nimmt unterwegs drei mit Holz beladene Güterwagen mit. Etwas gemächlicher geht die Fahrt damit bis zum Übergabebahnhof Schelklingen. Spätestens seit der Bahnreform ist diese effiziente Betriebsform mit dem Aufkommen der Taktverkehre verschwunden. Auf Nebenstrecken mit geringem Fahrgastaufkommen stellt sie zukünftig aber vielleicht wieder eine wirtschaftliche Alternative dar, möglicherweise in modernerer Form mit effizienter Containerveraldung.

Ab Dezember 2019 sollen auf dem anschließenden Streckenabschnitt Kleinengstingen – Gammertingen auch wieder täglich Züge fahren. Der Landkreis Reutlingen unterstützt die Streckenreaktivierung mit Fördermitteln in Höhe von 150.000 €, unter anderem für die Streckensanierung und die Errichtung eines neuen Haltepunktes. Die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW), der zuständige Besteller des Zugverkehrs, finanziert schon heute den Freizeit- und Schülerverkehr. Die Region zieht an einem Strang und treibt die Reaktivierung voran.

Und im Bayerischen Wald? Die politische Diskussion ist geprägt von Vorbehalten und fachlich unbegründeten Ängsten. Sowohl für den ehrenamtlich organisierten Freizeitverkehr als auch für die Überführung in einen Regelverkehr – ob nun zumindest saisonal oder doch gleich ganzjährig – fehlt die volle politische Unterstützung, sowohl aus der Region als auch auf Landesebene. Obwohl noch keinerlei Untersuchung zur Betroffenheit des Schülerverkehrs und zur Konkurrenzsituation von Bahn und Bus (sog. Parallelverkehre) vorliegen, dominiert das Thema meist ohne fachliche Fundierung und mit geschürten Emotionen die Berichterstattung. Am Ende trägt die zurückhaltende Förderpolitik des Freistaats dazu bei, dass es solch ein Eisenbahnparadies in Bayern nicht gibt.

Quellen:

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/Bahnstrecke-Engstingen-Gammertingen-aktivieren-Geld-fuer-Personenzuege,bahnstrecke-engstingen-gammertingen-100.html

https://alb-bahn.com/

https://www.gea.de/neckar-alb/ueber-die-alb_artikel,-bahnstrecke-zwischen-engstingen-und-gammertingen-wird-reaktiviert-_arid,6091376.html

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