Zum europäischen Jahr der Schiene: Ilztalbahn fordert echte Mobilitätswende in Bayern

16 Monate ist das in Deutschland ausgerufene Jahrzehnt der Schiene nun alt – und vor vier Monaten startete das Europäische Jahr der Schiene, doch aus Sicht der Ilztalbahn ist außer schönen Worten nichts Sichtbares passiert. 2020 wurden in Deutschland null Kilometer neue Bahnlinien eröffnet und aus Bayern gibt es mit Ausnahme der auf massiven schweizerischen Druck hin elektrifizierten Bahnlinie München – Lindau auch nichts zu vermelden, was die Stärkung der Eisenbahninfrastruktur betrifft.

„Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts offenbart die Halbherzigkeit des Handelns in der Umwelt- und Verkehrspolitik“, so Prof. Thomas Schempf, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Ilztalbahn GmbH. „Es gibt schöne Pressetermine, aber konkretes praktisches Handeln stellen wir bis heute nicht fest“, so Schempf weiter. Die Ilztalbahn vermisst dabei sowohl Investitionen in die öffentliche Verkehrsinfrastruktur in der Region als auch attraktive regionale und grenzüberschreitende Angebote mit Bahn und Bus. So hat Bayern bis heute keine Strategie entwickelt, um die Eisenbahn als Rückgrat der Mobilität deutlich zu stärken. Der Ausbau der Bahnlinien und der Stationen als Umstiegspunkte zum Bus, zum Fahrrad und zum Auto kommen nur im Schneckentempo voran. „Wie soll da der CO2-Ausstoß im Verkehrssektor wie angestrebt bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 2020 gesenkt werden?“

Infrastruktur ausbauen und Elektromobilität auf der Schiene fördern

„Bayern liegt mit 51% Elektrifizierungsquote seiner Bahnlinien sogar unter dem EU-Durchschnitt von 54% und trägt somit jeden Tag durch das Verbrennen von Diesel maßgeblich zur unzureichenden Klimabilanz Deutschlands im Verkehr bei“, kritisiert Friedrich Papke, Verkehrsingenieur und Mitgesellschafter der Ilztalbahn GmbH. Während andere Bundesländer, die schon jetzt deutlich höhere Elektrifizierungsquoten als Bayern aufweisen, massiv in die weitere Erhöhung der Elektromobilität auf der Schiene investieren, gibt es aus Bayern dazu bislang nur wohlfeile Absichtserklärungen und medial aufgebauschte Planungsaufträge. Stattdessen werden in Bayern ungebremst Straßen aus- und neugebaut und für die Eisenbahn bleiben höchsten Brosamen übrig. „Mit dem Geld, das seit Jahren in den Ausbau der Autobahn A3 zwischen Aschaffenburg und Regensburg gesteckt wurde, hätten wir alle noch mit Dieselzügen befahrenen Hauptstrecken in Bayern elektrifizieren können“, kritisiert Papke. „Gleichzeitig muss der Freistaat den Einsatz lokal emissionsfreier Batterie- und Wasserstoffzüge auf allen Nebenstrecken fördern.“

Grenzüberschreitende Verkehre werden vernachlässigt

Die Ilztalbahn blickt dabei auch über die Grenzen hinweg. Denn mitten in Europa stellen Staatsgrenzen keine Barrieren für die Mobilität mehr dar. Für die Akzeptanz von Bahnen und Bussen im grenzüberschreitenden Verkehr sind die gleichen Rahmenbedingungen bedeutsam wie bei regionalen Verkehrsbeziehungen. Umso bedauerlicher ist es daher, dass zwischen Bayern und Tschechien seit dem Fall des Eisernen Vorhang nur wenig getan wurde, um für den deutlich gewachsenen grenzüberschreitenden Verkehr attraktive Verbindungen zu schaffen. Auf nur vier eingleisigen, nicht elektrifizierten Bahnlinien wird der gesamte Verkehr abgewickelt. Seit über 20 Jahren gibt es keinen Personenverkehr zwischen Bayern und Tschechien im Fernverkehrsstandard mehr. Und auch Güterverkehre zwischen Bayern und Tschechien meiden diese nicht leistungsfähigen Bahnverbindungen und nehmen dafür großräumige Umwege über das Elbtal oder über Österreich in Kauf. „Wenn wir die Situation pointiert beschreiben, haben wir bis heute das Niveau zu Zeiten des Eisernen Vorhangs nicht verbessern können“, so Schempf.

Dabei könnten Verbesserungen sofort angepackt werden, z. B. die Schaffung von Direktverbindungen zwischen Plattling und Pilsen oder die Einrichtung von vertakteten grenzüberschreitenden Busverbindungen dort, wo keine Gleise liegen, z. B. zwischen Freyung und Vimperk (Winterberg). Die Ilztalbahn bietet daneben die Chance, auch in der Relation Passau – Waldkirchen – Krumau – Budweis einen attraktiven grenzüberschreitenden Verkehr zu etablieren. Zunächst ist dabei eine verlässliche Busverbindung zwischen Waldkirchen und dem Grenzbahnhof Nové Údolí zu etablieren. Sollte sich erweisen, dass es hier größere Nachfrage gibt, steht sicherlich auch die Überlegung im Raum, die auf bayerischer Seite teilweise erst in den Neunzigerjahren abgebaute Bahnlinie wieder zu reaktivieren.

Konzepte zur Reaktivierung von Bahnstrecken fehlen in Bayern

Während andere Bundesländer Konzepte zur Reaktivierung von Bahnstrecken, teilweise verbunden mit dem Wiederaufbau von abgebauten Bahnlinien, umsetzen, kommen in Bayern selbst die Projekte nicht voran, die politische Rückendeckung haben. Dass es im Fall der Ilztalbahn zehn Jahre nach ihrer Wiedereröffnung und der saisonalen Freizeit- und Ausflugsverkehre nicht einmal eine Untersuchung über ihre verkehrlichen Potenziale gibt, werden künftige Generation kaum verstehen können.

Schempf abschließend: „Wir haben in 15 Jahren auf rein ehrenamtlicher Basis viel vorangebracht und erwarten endlich den überfälligen und substanziellen Beitrag der Region und des Freistaats Bayern für eine nachhaltige Mobilität der Zukunft. Die Zeit für Sonntagsreden, halbherzige Gremienbeschlüsse und einen verbalen Überbietungswettbewerb von pauschalen Reduktionszielen ist nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts endgültig vorbei. Jetzt muss endlich konkret gehandelt werden!“

Pressemitteilung Ilztalbahn GmbH | 13. Mai 2021

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